Scope 3-Emissionen im Beschaffungsmarkt: großer Hebel für klimawirksames Handeln
Wie können Organisationen ihre indirekten Treibhausgasemissionen entlang der Wertschöpfungskette besser verstehen, steuern und in Beschaffungsentscheidungen berücksichtigen? Diese Frage stand im Mittelpunkt des naBe Expert Talks „Scope 3 Emissionen & Beschaffungsmarkt“ am 28. Mai 2026. Dr. Klaus Reisinger und Florian Egger von ClimatePartner gaben praxisnahe Einblicke in Klimabilanzierung, Datenqualität, Product Carbon Footprints und Lieferantenengagement.
Scope 3-Emissionen umfassen jene indirekten Emissionen, die nicht im eigenen Betrieb entstehen, sondern in vor- und nachgelagerten Bereichen der Wertschöpfungskette – etwa durch eingekaufte Güter und Dienstleistungen, Transport, Nutzung verkaufter Produkte, Entsorgung oder Mobilität. Gerade für öffentliche Beschaffung ist dieser Bereich besonders relevant: Viele klimaentscheidende Wirkungen entstehen nicht beim Auftraggeber selbst, sondern durch Produkte, Dienstleistungen und Lieferketten, die über Beschaffungsentscheidungen ausgelöst werden.
Im Expert Talk wurde deutlich: Klimaschutz beginnt mit einer belastbaren Datengrundlage, endet aber nicht bei der Berechnung. Erst wenn Emissionsdaten für strategische Entscheidungen, Vergaben, Produktvergleiche und Lieferantenentwicklung genutzt werden, entsteht tatsächlicher Steuerungsnutzen. Besonders wichtig ist dabei die Qualität der Daten: Ausgabenbasierte Näherungen können einen ersten Überblick bieten, sind aber oft ungenau. Aktivitätsbezogene und lieferantenspezifische Daten ermöglichen deutlich bessere Aussagen über Hotspots und Reduktionspotenziale.
Anhand konkreter Praxisbeispiele zeigte ClimatePartner, wie dominant Scope 3-Emissionen in vielen Organisationen sein können. Bei einem Beispiel aus der Leasingbranche lagen nahezu alle Emissionen in Scope 3, insbesondere in der Nutzung verkaufter Produkte. Auch bei einer Hochschule zeigte sich, dass Mobilität – insbesondere Anreise und Pendeln – den Fußabdruck wesentlich prägen kann. Für Beschaffende bedeutet das: Die größten Hebel liegen häufig dort, wo Produkte genutzt, Lieferketten gestaltet und Anforderungen an Anbieter formuliert werden.
Zentrale Erkenntnisse für die Beschaffung
- Beschaffung ist ein zentraler Klimaschutzhebel: Viele relevante Emissionen entstehen entlang der Lieferkette und können über Anforderungen, Zuschlagskriterien und Lieferantenentwicklung beeinflusst werden.
- Datenqualität entscheidet über Steuerungsfähigkeit: Aktivitätsbezogene Daten und Product Carbon Footprints sind deutlich aussagekräftiger als rein ausgabenbasierte Schätzungen.
- Vergleichbarkeit braucht klare Systemgrenzen: Product Carbon Footprints müssen nach vergleichbaren Standards und Grenzen betrachtet werden, etwa Cradle-to-Gate, Cradle-to-Customer oder inklusive Entsorgung.
- Lieferantenengagement wird wichtiger: Organisationen sollten zentrale Lieferanten schrittweise einbinden, Emissionsdaten einfordern und Reduktionsfortschritte gemeinsam entwickeln.
- Kommunikation muss belastbar sein: Klimabezogene Aussagen und Siegel müssen datenbasiert, überprüfbar und künftig noch stärker regulatorisch abgesichert sein.
Für die naBe-Plattform ergibt sich daraus ein klarer Auftrag: Strategische Partner bei der Einordnung von Klimadaten unterstützen, praxisnahe Orientierung für Vergaben bieten und den Austausch zu wirksamen Beschaffungshebeln weiter stärken. Scope 3-Bilanzierung bleibt komplex – ist aber ein entscheidender Schritt, um nachhaltige Beschaffung noch wirkungsorientierter auszurichten.
Ausblick: Die naBe-Plattform wird vergleichbare Austauschformate für strategische Partner kontinuierlich weiterentwickeln und fortführen. Ziel ist es, vorhandenes Wissen gezielt zu vertiefen, Good Practices sichtbar zu machen und die nachhaltige öffentliche Beschaffung gemeinsam mit den Partnerorganisationen aktiv weiterzuentwickeln.
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